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Homepage von Wellenbrecher e.V., Dortmund, Beckum, Burg, Duisburg, Düren, Euskirchen, Steinfurt. Träger der freien Jugendhilfe. Mitglied im Deutscher Paritätischer Wohlfahrtsverband (DPWV) und Bundesarbeitsgemeinschaft Individualpädagogik e.V. (AIM).
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"Natur ist nichts für mich"
Das sind die ersten Worte die Patrick1 mir sagt, als ich Ihn zu unserer gemeinsamen Reise nach Schweden abhole. Er weiß nicht so genau, wo Schweden liegt, und auch von dem, was Ihn erwartet, hat er nur eine ungefähre Ahnung. Klar, Zelten auf einem Campingplatz, die eine oder andere Kanutour und ein paar Gespräche – das wird schon. Ein dosiertes Abenteuer, Hauptsache nicht soviel Aufenthalt in der Natur.
Dafür muss er nicht zur Schule, die er sowieso nur noch für etwa sechs bis acht Stunden in der Woche besucht, und die Strafe bei der kommenden Gerichtsverhandlung fällt wegen der Teilnahme an dem Projekt hoffentlich auch etwas geringer aus.
Die individualpädagogische Maßnahme, in der Patrick sich befindet, führt ihn in die fast menschenleere Natur Schwedens. Schon die erste Nacht auf unserer Fahrt überrascht den 14-jährigen. Wir schlafen im Freien in eine Plane eingerollt – und das bei ungemütlichem Novemberwetter. Die Temperatur auf dem Thermometer erreicht fast die Frostgrenze, und in der Nacht regnet es immer wieder. Wir kommen dem Leben in der Natur schnell näher. Am Morgen gibt es Frühstück vom Lagerfeuer, aber leider wird das Wetter nicht besser. Nach einer solchen ersten Nacht ist auch Patrick mit einer warmen Tasse Kaffee schnell zufrieden und dann wieder sein Satz: "Das ist ja nichts für mich, das Leben in der Natur – ich bin ein Stadtmensch."
In der Stadt ist er in seinem Element. Er hat seine Überlebens-strategien, weiß, woher er sich das nötige Geld für seinen Drogen-konsum besorgt und wo er sich Markenklamotten und das neueste Handy organisieren kann. Das zählt jetzt alles erst mal nicht mehr. Sein Markenhandy findet im schwedischen Wald kein Netz und Patrick merkt schnell, dass seine Designerturnschuhe ihn dort nichteine Designerturnschuhe ihn dort nicht ľ㾀㾀쀀쀀 komfortabel und trocken durch den Tag bringen. Hier gibt es Wichtigeres.
Die Zubereitung der Mahlzeiten auf dem Benzinkocher gehört wie das Spülen des Geschirrs zum Tagesablauf. Zwischendurch, wenn wir nicht im Freien übernachten oder einen Unterstand finden, müssen wir unsere Zelte als Wetterschutz aufbauen. Einen Cam-pingplatz steuern wir selten an, denn die meisten haben den Winter über geschlossen. Aber wenn wir einen finden und dieser auch noch warmes Wasser und eine Dusche hat, ist das bei dieser Witterung wie ein Lottogewinn. Da fällt das Plumpsklo gar nicht ins Gewicht.
Jetzt ist Schluss mit dem Rauchen
Das Misstrauen von Patrick mir gegenüber in den ersten Tagen ist fast gänzlich verschwunden. Wir sind hier in der Natur aufeinander angewiesen und das verbindet.
Abends am Lagerfeuer ist dann Zeit für Gespräche. Gespräche über Gott und die Welt, über Zukunft und Vergangenheit, Recht und Unrecht und über Chancen und Möglichkeiten. Und dann erst mal wieder eine Zigarette rauchen. Für Patrick die letzte heute und auch für die kommenden Wochen. Das beschließt er spontan. Ich rauche schon lange nicht mehr. Nach seiner Entscheidung wirft er die restlichen Zigaretten ins Feuer und bereitet sich mental auf die geplante Kanutour über drei Tage vor.
Die beste Mahlzeit in seinem Leben
Früh am Morgen brechen wir mit dem Kanu auf. Der Wind bläst uns ins Gesicht, und wir schaffen noch nicht einmal die Hälfte der geplanten Strecke. Unterwegs kommen wir in einen Sturm, und der Schneeregen macht unsere Fahrt noch schwieriger. Trockenes Feuerholz ist nur wenig zu finden. Um so mehr freuen wir uns über den trockenen Unterstand, in dem wir schlafen können. Die kommenden Tage sind nicht ganz so regnerisch, aber die Ankunft an unserem Zielort birgt eine neue Überraschung. Das einzige Lebensmittelgeschäft im weiten Umkreis hat geschlossen, und so müssen wir unseren Proviant rationieren. Das wird um so schwieriger, da wir etwa zwei Tage länger als geplant auf dem Wasser paddeln müssen. Über unsere letzte Dose Bohneneintopf sagt Patrick, so etwas Gutes habe er noch nie gegessen.
Winnetou und Tom Saywer statt shoppen und Mc Donald
Wir spielen Fußball, gehen Schwimmen, schnitzen Pfeil und Bogen und spielen Schnitzeljagd. Abends gibt es immer wieder ein Lagerfeuer und Gespräche. Zwischendurch hören wir Tom Saywer und Winnetou als Hörspiel. Viel Zeit für den 14-jährigen nachzudenken, die Gedanken fliegen zu lassen und zu reflektieren. Vage Träume werden Zukunftsperspektiven, und ich helfe Patrick, die ersten Lebensläufe und Bewerbungen zu verfassen. Die ersten zwei Wochen ohne zu rauchen hat er zu diesem Zeitpunkt überstanden.
Waren auf unserer Hinfahrt nach Schweden überwiegend von Patrick begangene Diebstähle, Körperverletzungen und Drogen das Gesprächs-thema, so hat sich das grundlegend geändert. Er versucht nicht mehr, mich mit deren Anzahl und Vielseitigkeit zu beeindrucken. Schule, Ausbil-dung und der Umgebungswechsel sind nach drei Wochen individualpädagogischer Maßnahme in den Interessensmittelpunkt gewandert. Die neueste Handymarke findet in seinen Gesprächen erst mal keinen Raum mehr.
Die Basis ist geschaffen und die Arbeit geht weiter.
Fast ist Patrick ein wenig traurig als wir uns auf die Rückreise machen. Seit vier Wochen raucht er nicht mehr, und an die Abende am Lagerfeuer hat er sich gewöhnt. Auch wenn es fast zwei Drittel der Zeit geregnet hat. Er freut sich auf zuhause und ist sich sicher, sein Leben nun zu verändern
Die Arbeit für Patrick und auch die anderen Jugendlichen, die solche individualpädagogischen Maßnahmen machen, geht nach der Rückkehr weiter. Hier müssen sie ihre Verhaltensweisen ändern und versuchen, nach dem Clearing weitere Stärken und Schwächen zu analysieren. Der Anfang ist gemacht, und Patrick, der in dieser Geschichte für weitere Jugendliche steht, die diese individualpädagogische Maßnahme gemacht haben, hat wichtige Stärken und Schwächen bei sich erkannt und ist motiviert, sein Verhalten positiv zu verändern. Dieser Erfolg schafft eine elementare Basis für die weitere Zusammenarbeit mit den Jugendlichen.
Heute geht Patrick wieder regelmäßig acht Stunden zur Schule, und auch wenn es in der Zwischenzeit wieder den einen oder anderen Konflikt gegeben hat, wirkt die Maßnahme nach und war für ihn ein Schritt in die richtige Richtung. Auch, wenn das Leben in der Natur nichts für Patrick ist.
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